Sprachgrenze: Der Malojapass (1815 m ü.M.) verbindet das Oberengadin mit dem Bergell.

Warum Romanisch und Italienisch für Grau­bünden un­ver­zicht­bar bleiben.

Sprache verbindet Menschen. Das gilt auch für Minder­heiten­sprachen wie Romanisch und Italienisch. Sie tragen Herkunft, Zusammenhalt und gelebte Vielfalt in sich. Markus Solinger, Generalsekretär der Lia Rumantscha, und Franco Milani, Präsident von Pro Grigioni Italiano, sprechen über die Rolle der Sprache im Alltag, in der Kultur und für kommende Generationen.

Autorin: Nicole Merkel Fotos: Adobe Stock, Hansruedi Rohrer, Andrea Badrutt

Herr Solinger, Herr Milani, wenn Sie auf Ihre eigene Biografie zurückblicken: Welche Rolle hat Sprache in Ihrem persönlichen Werdegang gespielt?

Markus Solinger: Sprache war für mich von Anfang an etwas sehr Selbst­verständliches und gerade deshalb prägend. Ich bin im Unter­engadin aufgewachsen, meine Mutter stammt aus dem Wallis, mein Vater aus dem Müns­tertal. Zu Hause wurde Deutsch gesprochen, draussen mit Freunden Romanisch. Dieses natürliche Wechseln zwischen Sprachen hat mich früh gelehrt, dass Sprache nicht trennt, sondern verbindet und dass sie ­immer auch mit Zugehörigkeit zu tun hat.

Franco Milani: Auch für mich ist Sprache weit mehr als ein Werkzeug. Sie formt unser Denken, beeinflusst unsere Wahrnehmung und eröffnet Zugänge zu anderen Menschen und Kulturen. Besonders bewusst wurde mir das mit 15 Jahren, als ich mein vertrautes Umfeld verlassen und in eine überwiegend deutschsprachige Region ziehen musste. In diesem Moment habe ich gespürt, wie eng Identität und Muttersprache miteinander verbunden sind.

Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass Sprache mehr ist als ein Kommunikations­mittel – nämlich Identität?

Solinger: Rückblickend wohl relativ früh, auch wenn man das als Kind nicht so benennen würde. In der Schule war Romanisch für manche die Mutter­sprache, für andere die erste Fremd­sprache, wieder andere wuchsen italienischsprachig auf. Dabei merkte ich: Sprache bestimmt, wie man sich bewegt, wie man denkt, wie man sich ausdrückt. Später wurde mir das noch bewusster, etwa bei traditionellen Bräuchen oder Liedern. Sie tragen Geschichte in sich. Romanisch ist nicht einfach Sprache, sondern auch ein kulturelles Gedächtnis.

Milani: Diese Einschätzung teile ich. Sprache ist der Ort, an dem wir uns selbst verstehen. Wer seine Sprache verliert oder sie nicht leben kann, verliert ein Stück von sich. Deshalb ist sprachliche Vielfalt kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für gesell­schaft­lichen Zusammenhalt.

Markus Solinger
«Romanisch gehört nicht ins Museum, sondern in unseren Alltag.»

Markus Solinger

Lia Rumantscha und Pro Grigioni Italiano blicken auf eine lange Geschichte zurück. Was war der ursprüngliche Gründungsauftrag? Und was davon gilt bis heute?

Milani: Die Pro Grigioni Italiano entstand 1918 in einer schwierigen Zeit. Arnoldo Marcelliano Zendralli hatte die Vision, die italienischsprachigen Täler Graubün­dens zu einer gemeinsamen kulturellen und politischen Stimme zu verbinden. Sprache war dabei der Schlüssel, um überhaupt Gehör zu finden, auch für wirtschaftliche und gesell­schaftliche Anliegen. Dieser Grund­gedanke ist bis heute gültig.

Solinger: Ähnlich bei der Lia Rumantscha, die 1919 als Dach­organisation gegründet wurde. Ziel war es, die vielen bestehenden räto­roma­nischen Initiativen zu bündeln und gemeinsam nach aussen aufzutreten. Es ging um Bildung, Medien und Kultur. Aber auch um politische An­erkennung. Dass Romanisch 1938 Landessprache wurde, war ein Meilenstein. Der Kern­auftrag ist geblieben: Sicht­barkeit schaffen und die Sprache im Alltag fördern und verankern.

Wie haben sich Ihre Organisationen im Laufe der Zeit verändert?

Solinger: Die Lia Rumantscha hat sich stets dem ge­sellschaftlichen Wandel angepasst. Schon früh spielten Wörter­bücher, später digitale Angebote eine Rolle. Heute lebt rund ein Drittel der romanischsprachigen Bevölkerung ausserhalb Graubündens. Deshalb engagieren wir uns mit Sprach­angeboten wie Klassenkursen, digitalen Lernformaten und Familienprogrammen in Orten ausser­halb des traditionellen Sprachgebietes.

Milani: Auch die Pro Grigioni Italiano hat sich weiterentwickelt. Aus einer kleinen Bewegung wurde eine föderal organisierte Vereinigung mit heute zehn Sektionen und rund 1'600 Mitgliedern. Seit der neuen Sprachen­gesetz­gebung arbeiten wir mit klaren Leistungs­vereinbarungen und professionellen Strukturen, ohne dabei den kulturellen Kern aus den Augen zu verlieren.

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede zwischen Ihren Institutionen?

Milani: Die Gemeinsamkeiten über­wiegen. Beide Or­ganisationen fördern Sprache, Kultur und Bildung, beide sind tief im Kanton Graubünden verankert und entstanden fast zeitgleich. Der Unterschied liegt in der gesell­schaft­lichen Ausgangslage: Deutsch ist für die Mehrheit der italienisch­sprachigen Bevölkerung eine Fremdsprache.

Solinger: Das ist beim Romanischen etwas anders. Viele Sprecherinnen und Sprecher sind zweisprachig und wechseln im Alltag rasch auf Deutsch. Dadurch steht Romanisch stärker unter Druck. Gleichzeitig pflegen wir eine enge, sehr wert­schätzende Zusammen­arbeit mit der Pro Grigioni Italiano.

«Wer seine Sprache nicht leben kann, verliert ein Stück seiner Identität.»

Franco Milani

Franco Milani

Inwiefern kann Sprache Generationen verbinden?

Solinger: Sprache ist das Medium, mit dem wir unsere Geschichten erzählen. Sie transportiert Erinnerungen, Werte und Zugehörigkeit. Wenn diese Sprache weitergegeben wird, entsteht ein natürliches Band zwischen Alt und Jung.

Milani: Jede Kultur trägt eine innere, fast zeitlose Kraft in sich. Diese «innere Flamme» verbindet Generationen und schafft Solidarität. Nicht nur innerhalb einer Sprachgemeinschaft, sondern auch zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Beobachten Sie Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Generationen im Umgang mit Sprache?

Milani: Sprache ist lebendig und verändert sich ständig. Das war immer so. Neue Ausdrucksformen entstehen, andere verschwinden. Dieser Wandel widerspiegelt gesellschaftliche Veränderungen.

Solinger: Gleichzeitig erleben wir bei vielen jungen Rätoromaninnen und Rätoromanen ein hohes Sprach­bewusstsein und viel Stolz. Romanisch zu sprechen, ist heute nicht mehr etwas, wofür man sich schämt. Im Gegenteil.

Welche Bedeutung hat Sprache für die kulturelle Identität Graubündens?

Milani: Graubünden ist ein zutiefst mehrsprachiger Kanton. Diese Vielfalt prägt das Selbstverständnis und fördert Offenheit. Mehrsprachigkeit ist hier kein Konzept, sondern gelebter Alltag.

Solinger: Sprache ist auch ein Wirtschaftsfaktor, etwa im Tourismus oder bei regionalen Produkten. Sie schafft Wiedererkennung und Identität.

Wo sehen Sie die grössten Heraus­forderungen für Minder­heiten­sprachen in der Schweiz?

Solinger: Die grösste Herausforderung ist die Sichtbarkeit. Eine Sprache kann rechtlich anerkannt sein und trotzdem aus dem Alltag verschwinden. Wenn sie im öffentlichen Raum, in den Medien oder in der digitalen Welt kaum präsent ist, gerät sie schleichend in Vergessen­heit. Gleichzeitig braucht die Präsenz verlässliche Rahmen­bedingungen. Sprachförderung ist kein Selbstläufer, sie lebt vom langfristigen Engagement vieler Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Nur so lassen sich stabile Strukturen aufrechterhalten, die eine Sprache ­lebendig halten.

Milani: Diese Einschätzung teile ich. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft zwar formell mehrsprachig ist, im Alltag aber oft immer einsprachiger wird. Englisch ge­winnt als Lingua franca an Bedeutung, während lokale Sprachen an Raum verlieren. Die Herausforderung besteht darin, das gesetzlich verankerte Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit auch tatsächlich zu leben – in Bildung, Verwaltung und Gesellschaft.

Was möchten Sie der nächsten Generation mit auf den Weg geben?

Solinger: Romanisch gehört nicht ins Museum, sondern in unseren Alltag. Ich wünsche mir, dass Romanisch so selbstverständlich gelebt wird wie andere Landessprachen auch, sei es im Alltag, in der digitalen Welt oder im öffentlichen Raum. Dass junge Menschen die Sprache weiterhin mit Stolz sprechen und sie Teil ihrer Identität bleibt.

Milani: Dem schliesse ich mich gerne an. Jede Gene­ration soll sich ihrer kulturellen und sprachlichen Wurzeln bewusst sein. Wer sie kennt, findet Halt. Auch in einer mobilen, globalisierten Welt. Sprache schafft Zugehörigkeit, und diese wünsche ich auch den kommenden Generationen.

Über Pro Grigioni Italiano

Die Organisation Pro Grigioni Italiano wurde 1918 in Chur als Verein gegründet. Ihr Zweck ist die Förderung der italienischen Sprache im Kanton Grau­bünden und in der Schweiz, die Stärkung der kultu­rel­len Identität Italienisch­bündens und die Vertretung der Interessen der italienisch­sprachigen Minderheit.

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Über Lia Rumantscha

Die Lia Rumantscha wurde 1919 in Chur als Dachverband aller romanischen Sprach­vereine gegründet. Sie unter­stützt, fördert und koor­diniert die Projekte regionaler roma­nischer Vereinigungen, über­regionaler Vereine und roma­nischer Organisationen ausser­halb des ­romanischen Stamm­gebiets zugunsten der romanischen Sprache und Kultur.

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