So verändert KI die Geldpolitik der Nationalbank.

Fast alle Wirtschaftsbereiche sind betroffen von der künstlichen Intelligenz. Um trotz dieser Verwerfungen auch weiterhin für stabile Preise zu sorgen, muss die Schweizerische Nationalbank gegenläufige Entwicklungen parallel beobachten – und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Autor: Fabio Canetg Ilustration: erstellt mit KI

Stellen Sie sich eine kleine Werbeagentur vor irgendwo im Kanton Graubünden: Sie entwirft Online-Kampagnen für ihre Kund­schaft. Sie produziert knackige Videos für die sozialen Medien. Und sie entwirft ein passendes Website-Design für ihre Auftraggeberinnen. Was passiert wegen der künstlichen Intelligenz mit den Preisen dieser Werbeagentur?

Die Antwort ist überraschend komplex: Denkbar wäre beispielsweise, dass die Preise der Werbeagentur steigen. Das darum, weil die Agentur neuerdings Leute einstellen muss, die geschult sind im ­Umgang mit der künstlichen Intelligenz. Diese Leute werden hohe Lohnforderungen stellen, weil sie wissen, dass sie für die Agentur wertvoll sind. Die Folgen wären höhere Stundenansätze für die Kundinnen und Kunden.

Darum gibt es zwei gegen­läufige Effekte

Doch das ist nicht der einzige Effekt: Eine KI-Spezialistin kann nämlich auch deutlich mehr Webauftritte und Social-Media-Kampagnen entwerfen als jemand, der ohne KI arbeitet. So müssen für eine neue Website nicht mehr ganz so viele Ar­beits­stunden offeriert werden. Im Jargon spricht man von einer gestiegenen Produktivität.

Für die Kundinnen und Kunden entscheidend ist nun, welcher Effekt dominiert: Wird die Offerte teurer, weil die neuen KI-Spezialisten einen höheren Lohn verlangen? Oder günstiger, weil die Leute schneller arbeiten?

Löhne oder Produktivität: Was dominiert?

Die Wissenschaft ist sich in dieser Frage überraschend einig: Der Produktivitäts­effekt wird dominieren. Das heisst, der KI-Boom wird den Preisdruck nach oben verringern. Im Extremfall wären sogar sinkende Preise denkbar.

Für die Nationalbank und ihre aktuelle Nullzinspolitik würde das heissen: Sie müsste mit einem geldpolitischen Stimulus auf KI reagieren. Andernfalls würde die Inflation zu tief ausfallen. Kommen also schon bald Negativzinsen wegen der künstlichen Intelligenz?

So wirkt sich das auf die Nationalbank aus

Die Antwort ist: nein. Wegen KI steigt nämlich auch das Wachstumspotenzial unserer Wirtschaft – und damit der sogenannte «natürliche Zinssatz». Das ist der Zins, bei dem die Geldpolitik weder stimuliert noch bremst. Das heisst: Steigt der natürliche Zins bei unverändertem SNB-Leitzins, wird die Geldpolitik der Nationalbank automatisch expansiver. Das wirkt dem sinkenden Inflationsdruck entgegen.

Fazit: Die künstliche Intelligenz führt initial zwar zu sinkendem Inflationsdruck. Mit Nichtstun kann die Nationalbank dem aber schon teilweise entgegenwirken. Idealerweise sollten sich also weder die Inflation noch die Zinsen signifikant verändern. Ganz alles verändert die künstliche Intelligenz also doch nicht.

Fabio Canetg

Fabio Canetg, Finanzexperte

Fabio Canetg hat an der Universität Bern und an der Toulouse School of Economics zum Thema Geld­politik doktoriert. Heute arbeitet er als frei­schaffender Journalist und Dozent an den Universi­täten Neuchâtel und Bern. Er moderiert die Wirtschafts­podcasts «Geldcast», «Schweizer Wirtschaft Daily» und «Börsenstrasse Fünfzehn».

Seite teilen: