Lokführerin aus Leidenschaft: Anna Walti hat ihren Kindheitstraum zum Beruf gemacht
Verlässlich durch Graubünden.
Mit 13 Jahren wusste Anna Walti, was sie einmal werden wollte: Lokführerin. Heute sitzt die 28-Jährige im Führerstand der Rhätischen Bahn und steuert Züge durch die Rheinschlucht, über Viadukte und durch Tunnel. Auf der Strecke zwischen Chur und Ilanz spricht sie über Kindheitsträume, Verantwortung und die Faszination der Bündner Bergwelt.
Autorin: Nicole Merkel Fotos: Nicola Pitaro
Die Sonne hat die Berggipfel bereits erreicht, als der «Capricorn»-Triebzug den Bahnhof Chur in Richtung Ilanz verlässt. Für viele Menschen ist diese Strecke Teil ihres Alltags, für andere der Beginn eines Ferienerlebnisses.
Im Führerstand sitzt Anna Walti. Die 28-Jährige erfüllt sich bei der Rhätischen Bahn (RhB) einen Kindheitstraum. Ihr Berufswunsch stand schon früh fest. Ihr älterer Bruder, der selbst Lokführer ist, spielte dabei eine wichtige Rolle. Als jüngstes von drei Geschwistern blickte sie zu ihm auf.
Für die Ausbildung bei der RhB zog sie nach Graubünden und liess ihre sportliche Laufbahn im Unihockey hinter sich. Die ehemalige U19-Nationalspielerin erinnert sich: «Ich habe alles aufgegeben und hier bei null angefangen. Das hat schon etwas Mut gebraucht.» Heute kann sie sich kaum einen passenderen Ort vorstellen. «Ich fühle mich als Bergmädchen. Hier bin ich einfach glücklich.».
Was macht die Arbeit bei der RhB für Sie zu etwas Besonderem?
«Das Spannende ist: Wir bringen Menschen mit völlig unterschiedlichen Geschichten zusammen. Die einen fahren jeden Tag zur Arbeit. Andere erfüllen sich einen Lebenstraum und fahren mit dem Glacier Express durch Graubünden.».
Kurz nach dem Bahnhof Reichenau-Tamins öffnet sich der Blick auf die Rheinschlucht. Die sogenannte Schweizer Version des Grand Canyon gehört zu den eindrücklichsten Streckenabschnitten des RhB-Netzes. Für Anna Walti ist sie dennoch nur einer von vielen Orten, die sie bis heute zum Staunen bringen.
Dieses Staunen zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch mit ihr. Obwohl täglich andere Züge, andere Fahrgäste und andere Herausforderungen auf sie warten, gibt es Dinge, die für Anna Walti unverändert geblieben sind: die Faszination für die Bahn, die Berge und die Verantwortung, Menschen sicher ans Ziel zu bringen.
Was ist für Sie beim Fahren das Wichtigste?
«Die Sicherheit. Ganz klar. Das ist das A und O. Danach kommen Pünktlichkeit und Fahrkomfort.»
Dazu gehöre auch die Vorbereitung. «Ich möchte ausgeruht zur Arbeit kommen. Ich schaue Wetterberichte an, informiere mich über mögliche Störungen und überlege mir oft: «Was wäre, wenn? Was wäre, wenn ein System ausfällt? Oder wenn etwas Unerwartetes passiert?»
Mit der Zeit werden bestimmte Abläufe selbstverständlich. Anna Walti sieht darin keinen Widerspruch zur Begeisterung für ihren Beruf: «Gewisse Abläufe werden natürlich zur Routine. Das ist auch wichtig. Aber ich versuche jeden Tag wieder neu auf einen Zug zu steigen und zu denken: «Jetzt beginnt es wieder bei null.» Für sie sei das auch eine Frage der Haltung: «Ich möchte nie vergessen, wie besonders meine Arbeit ist. Ich fahre hier vorne durch einen der schönsten Kantone der Schweiz.» Diese Begeisterung begleitet Anna Walti bis heute.
Während viele Fahrgäste im Zug lesen, arbeiten oder auf ihre Smartphones schauen, erlebt sie die Strecke aus einer anderen Perspektive. «Ich habe hier vorne eine riesige Fensterfront», sagt sie. Dann wird sie nachdenklicher. «Wenn ich einen Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang sehe, ist das für mich jedes Mal etwas Besonderes. Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir solche Momente heute weniger bewusst wahrnehmen. Viele sind mit dem Handy beschäftigt.»

Kein Arbeitstag gleicht dem anderen, auch wenn die Strecken vertraut sind.
Gibt es im Führerstand noch Momente, die Sie überraschen?
«Ja, ständig. Ich komme ursprünglich aus dem Ingenieurwesen. Und ich staune immer wieder darüber, was hier gebaut wurde. Wie Viadukte Täler verbinden, wie Tunnel Berge durchqueren. Das war Pionierarbeit. Wenn ich über diese Bauwerke fahre, denke ich oft: Wow.»
Die RhB verbindet nicht nur Orte, sondern auch Generationen. Seit mehr als 130 Jahren prägt sie Graubünden. Spürt man diese Tradition im Alltag? «Ja, absolut. Ich identifiziere mich sehr mit der RhB. Und ich erlebe das auch bei meinen Kolleginnen und Kollegen.» Besonders beeindruckt sie der Umgang untereinander: «Ich bin hier mit offenen Armen empfangen worden. Vom Direktor bis zum Wagenreiniger sind wir per du. Man begegnet sich auf Augenhöhe.»
Dass ihr der Start in Graubünden leichtgefallen sei, habe deshalb nicht nur mit den Bergen zu tun: «Ich habe hier viele neue Freundschaften geschlossen. Man wird schnell Teil der Gemeinschaft.» Als junge Lokführerin profitiere man zudem enorm von den Erfahrungen der älteren Generation.
Noch immer reagieren manche Fahrgäste überrascht, wenn sie die junge Frau im Führerstand sehen. «Das passiert tatsächlich regelmässig», erzählt sie. «Vor allem ältere Menschen staunen manchmal. Aber ich empfinde das als positiv.» Generell seien ihre Erfahrungen durchwegs gut. «Ich hatte nie das Gefühl, nicht akzeptiert oder respektiert zu werden. Das freut mich sehr.»
Ein kurzer Moment in Ilanz. Dann geht die Fahrt zurück nach Chur.

Wenn Sie auf Ihre Zeit bei der RhB blicken: Was hat sich verändert – und was ist gleich geblieben?
«Verändert hat sich vieles. Die Fahrzeuge sind moderner geworden, die Technik hat sich weiterentwickelt, und wir arbeiten heute mit ganz anderen Hilfsmitteln als früher. Aber am Ende geht es immer darum, Menschen sicher von A nach B zu bringen.»
Beständigkeit bedeutet für Anna Walti deshalb nicht Stillstand. «Es verändert sich ständig etwas. Neue Mitarbeitende kommen dazu, modernere Technologien halten Einzug. Aber gewisse Werte bleiben bestehen.» Dazu gehören Verantwortung, Teamgeist und Verlässlichkeit. Auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, ihren Beruf bis zur Pensionierung auszuüben, antwortet sie ohne Zögern: «Ja. Das hoffe ich sogar.»
Der Zug rollt in Ilanz ein. Fahrgäste steigen aus, andere steigen ein. In einer halben Stunde wird Anna Walti wieder Richtung Chur aufbrechen. Dann wird sie dieselbe Strecke erneut befahren. Die Gleise werden dieselben sein, die Berge ebenfalls. Und doch wird die Fahrt eine andere sein als die vorherige.
Für die 28-Jährige liegt genau darin die Faszination ihres Berufs. Die Landschaft verändert sich mit den Jahreszeiten. Die Fahrgäste wechseln täglich. Die Technik entwickelt sich weiter. Doch eines bleibt: die Freude daran, vorne im Führerstand Platz zu nehmen, Menschen sicher ans Ziel zu bringen und Graubünden auf Schienen zu verbinden.

Die Strecke durch die Rheinschlucht gehört zu den eindrucksvollsten Abschnitten des RhB-Netzes.
Auf Schienen durch Graubünden
Die Rhätische Bahn verbindet seit 1889 Täler, Dörfer und Städte in Graubünden. Mit einem Streckennetz von rund 385 Kilometern erschliesst sie weite Teile des Kantons und befördert jährlich Millionen von Fahrgästen. Zu den bekanntesten Angeboten zählen der Glacier Express und der Bernina Express. Die spektakulären Strecken über die Albula- und die Berninalinie gehören seit 2008 zum UNESCO-Welterbe. Heute beschäftigt die RhB über 1’800 Mitarbeitende und zählt zu den bedeutendsten Arbeitgebern Graubündens.
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