Im Wandel beständig.
Wie bleibt Architektur über Generationen hinweg relevant? Für den Bündner Architekten Gion A. Caminada liegt die Antwort weder im starren Festhalten am Alten noch im bewussten Bruch mit der Vergangenheit. Gute Architektur beginnt für ihn mit einer Haltung: genau hinschauen, zuhören, wahrnehmen – und aus dem Geist des Ortes heraus weiterbauen.
Autor: Livio Fürer Foto: Verner Soler und Ralph Feiner
Fragt man Gion A. Caminada, wie er Architektur im Spannungsfeld zwischen Traditionalismus und Modernismus sieht, sagt er direkt: «Beide Extreme sind schlecht.» Der Drang, einen Kontrastbau einzig aus Veränderungswillen zu bauen, ist für ihn genauso problematisch, wie ein traditionelles Haus zu entwerfen, nur weil früher so gebaut wurde.
Kontraste können interessant sein, sollten aber nie Selbstzweck sein – «dadurch wurden schon viele Dorfbilder zerstört». Gleichzeitig ist Caminada auch kein Freund des starren Blicks zurück. Tradition entsteht für ihn nicht durch das Kopieren der Vergangenheit. Sie wächst durch die Weiterverwendung von Bewährtem. «Tradition ist, was wir über lange Zeiträume als Wert definieren.» Dazu gehört, Erinnerungen zu bewahren, aber auch, Ballast abzuwerfen. Nur so entsteht Raum für Neues.
Der Ort als Ausgangspunkt
Im Zentrum steht für Caminada der Ort in all seinen Dimensionen. Dieser Ort besteht für ihn nicht nur aus Geschichte und Erscheinungsbild, sondern auch aus Wind, Wetter, Geräuschen, Temperaturen, Materialien und den Fähigkeiten der Menschen, die dort leben und arbeiten. Ob in einer Stadt oder in einem Bergdorf: Jeder Ort gibt die Bedingungen vor, aus denen Räume entstehen.
Eine starke Idee setzt deshalb ein tiefes Verständnis der Umgebung voraus. Es braucht beides: das Wissen über die Region und das eigene Erleben. Erst daraus entsteht eine Idee, die nicht von aussen über eine Ortschaft gelegt wird. Der Entwurf pendelt sich ein zwischen Realität und Utopie.


Ob der urbane Lichthof oder die heimelige «Stüvetta»: Caminadas Räume im Hotel «Maistra 160» in Pontresina erzeugen Resonanz.
Bauen als gemeinsame Suche
Caminada versteht Entwerfen als gemeinsame Suche. Weder Architekt noch Bauherrschaft kennen die richtige Antwort von Anfang an. Erst im Prozess zeigt sich, was ein Ort, eine Aufgabe und die beteiligten Menschen zulassen.
Wie ein solcher Prozess Räume verändern kann, zeigt Caminada am Beispiel der Totenstube in Vrin. Im Gespräch mit der Dorfgemeinschaft stellte er die Frage, ob man sich vorstellen könne, in einem Raum für Verstorbene auch Kaffee zu trinken oder zu musizieren. Zunächst schien das undenkbar. Bis eine ältere Frau sagte: «Warum nicht?», früher habe man am Sarg der Verstorbenen auch Geschichten erzählt.
Wenn Räume antworten
Bei Gesprächen über Architektur fällt schnell der Begriff Schönheit. «Ist ein Gebäude ästhetisch, gefällt es mir?» Für Caminada greift diese Frage zu kurz. Er strebt danach, dass seine Bauten Resonanz erzeugen. Ein Mensch, der einen Raum betritt, soll ihn nicht nur betrachten, sondern ihn spüren – und in Beziehung zu ihm treten.
Räume sollen Menschen zum Staunen bringen. Nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie etwas Vertrautes auf eine neue Weise erfahrbar machen. Caminada beschreibt diesen Effekt mit einem einfachen Bild: «Wenn auf der Strasse ein Fremder einen Handstand macht, dann staunt man nicht unbedingt, es gibt schliesslich viele Leute, die das können. Wenn aber ein Familienmitglied zuhause plötzlich auf Händen geht, staunt man.»

Für Gion A. Caminada beginnt Architektur mit dem Ort. Die «Tegia da vaut» in Domat/Ems nimmt die Materialität und Atmosphäre des Waldes auf.
Was von Architektur bleibt
Wenn Caminada über die Zukunft seiner Bauten nachdenkt, steht schnell die Frage im Raum, ob Architektur die Welt verändern kann. «Als junger Mann war ich natürlich der Meinung, ich werde die Welt verbessern», sagt er. Später seien Zweifel hinzugekommen. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit oder Sinnwidrigkeit des eigenen Wirkens beschäftige ihn heute stärker.
Und doch schaut Caminada positiv auf das Fortbestehen seiner Bauten. Denn Wandel ist für ihn nichts Bedrohliches. Er hat Räume immer mit der Idee entworfen, dass sie sich weiterentwickeln können. Niemand kann wissen, welche Anforderungen kommende Generationen an Gebäude stellen. Beständig ist für Caminada deshalb nicht, was unverändert bleibt. Beständig für ihn sind Räume, die Wandel zulassen und sich an neue Bedürfnisse anpassen können.
Ein Leben für die Architektur
Gion A. Caminada wurde 1957 in Vrin im Val Lumnezia geboren. Nach einer Lehre als Bauschreiner studierte er Architektur und eröffnete sein eigenes Architekturbüro in seinem Heimatdorf.
Bekannt wurde Caminada vor allem durch seine Bauten in und um Vrin, darunter die Mehrzweckhalle und die Totenstube «Stiva da morts». Von 1998 bis 2023 lehrte er als Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich; heute ist er emeritiert.
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