Horizonterweiterung – mein Blick auf die Finanzmärkte.

Daniel Lüchinger

Daniel Lüchinger, Chief Investment Officer.

Die Aktienmärkte erklimmen neue Höchst­stände, auch wenn geo­politische Spannungen, steigende Zinsen und hohe Energiepreise zwischen­zeitlich Gegenwind lieferten. In meiner Kolumne ana­lysiere ich, weshalb die Märkte optimistisch ­bleiben – und weshalb Anlegende dennoch vorsichtiger agieren sollten.

In der letzten Ausgabe hatte ich argumentiert, dass die wirtschaftlichen Realitäten stärker sind als die politischen Schlagzeilen. Diese Einschätzung hat sich bislang bestätigt. Trotz zahlreicher Unsicherheiten blieb die Weltwirtschaft widerstandsfähig, und die Unternehmensgewinne entwickelten sich besser als angenommen. Dies zeigt einmal mehr, dass es sich auszahlt, auch in turbulenten Zeiten an der Anlage­strategie fest­zuhalten.

Die Finanzmärkte werden derzeit von zwei Hauptkräften geprägt: dem globalen Investitionszyklus rund um künstliche Intelligenz und dem Anstieg von Inflation und Zinsen.

Der neue Investitionszyklus

Künstliche Intelligenz entwickelt sich immer stärker von einer Techno­logie­geschichte zu einem breit abgestützten Investitionszyklus. Die dafür not­wendigen Investitionen reichen weit über Software und Halbleiter hinaus. Stromnetze, Energieversorgung, Daten­center, Infrastruktur und Auto­mati­sierung profitieren zunehmend von dieser Entwicklung. Die Märkte beginnen deshalb, die nächste Phase des KI-Booms einzupreisen. Im Zentrum stehen nicht mehr nur die grossen Plattform­unternehmen, sondern vermehrt auch die Unternehmen entlang der gesamten Wert­schöpfungs­kette.

Gleichzeitig wird die Messlatte höher gelegt. Anleger fokussieren stärker auf konkrete Gewinne, Produktivitäts­fort­schrit­te und beständige Geschäfts­modelle. Besonders für den Fall, dass das Wachstum mehrheitlich durch Kredite finanziert wird.

Wachstum erhöht die Kapitalkosten

­Der KI-Boom bringt auch neue Herausforderungen mit sich. Die enormen Investitionen erhöhen die Nachfrage nach Kapital und treffen auf eine Welt, die weiterhin von geopolitischen Span­nun­gen, höheren Staatsausgaben und einem erhöhten Inflationsrisiko geprägt ist.

Damit entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits treiben Investitionen das Wachstum an. Andererseits können steigende Finanzierungskosten genau diesen Investi­tionszyklus bremsen. Die zentrale Frage für die kommenden Quartale lautet deshalb nicht mehr, ob künstliche Intelligenz die Wirtschaft verändert, sondern wie lange die hohen Investitionen aufrechterhalten werden können.

Breiter denken, nicht defensiver werden

Die USA bleiben der dominierende Aktienmarkt. Die Innovationskraft ist hoch, das Wirtschaftswachstum stark und die Abhängigkeit von steigenden Energiepreisen ist geringer als in Europa. Die Gewinnent­wicklung amerikanischer Unternehmen bleibt überdurchschnittlich. Die Erwartungen an das Gewinnwachstum sind aber enorm, und vieles hängt von den riesigen Kapitalinvestitionen der Hyperscaler ab. Ich denke, dass der KI-Boom weitergehen wird; trotzdem sollten Portfolios breiter diversifiziert werden – sowohl innerhalb als auch ausserhalb der USA. Spannend bleiben ausgewählte Schwellenländer und Unter­nehmen, die vom globalen Investitions­zyklus profitieren.

Für Investoren bedeutet dies: Die Aktienrally kann durchaus weiterlaufen, sie ist jedoch fragiler geworden. Neben Chancen im Bereich KI und Infrastruktur bleiben deshalb auch Diversifikation, Qua­litätsunternehmen und reale Vermögenswerte wichtig. Mit wieder anziehendem Wachstum sollte sich die Marktbreite aus­weiten, und auch kleiner kapitalisierte Un­ter­nehmen sollten stärker profitieren können.

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