■ Im Fokus
Ausgewogenheit im Portfolio bringt Rendite.
Das Jahr 2022 war weltweit von beispiellosen Turbulenzen an den Finanzmärkten geprägt. Die geopolitischen Spannungen und die daraus resultierende Inflation, Zinswende und Energiekrise bilden eine ausgesprochen anspruchsvolle Ausgangslage für das Anlagejahr 2023. Wie sollen sich Anlegerinnen und Anleger angesichts des noch immer unsicheren Marktumfeldes positionieren, und welche Chancen bieten sich? Im Gespräch zeigen Daniel Lüchinger, Chief Investment Officer der GKB, und Dr. Thomas Steinemann, Chief Investment Officer der Privatbank Bellerive, auf, wo sie die Anlageopportunitäten 2023 verorten und wie Investorinnen und Investoren diese zielgerichtet für sich nutzen können.
Die Wirtschaft steuert auf eine Rezession zu. Doch das ist kein Grund, die definierte Anlagestrategie zu verändern.

Die Wirtschaft steuert auf eine Rezession zu. Doch das ist kein Grund, die definierte Anlagestrategie zu verändern.
Interview: Jeannine Mülbrecht Fotos: Nicola Pitaro
«Es ist unbestritten: Wir befinden uns in einem wirtschaftlichen Abschwung», kommentiert Lüchinger das aktuelle Konjunkturumfeld. Laut dem Chief Investment Officer (CIO) der Graubündner Kantonalbank hat sich dieser Abschwung gegen Ende 2022 beschleunigt; aktuell kann sinngemäss immerhin von einer Stabilisierung gesprochen werden. Nichtsdestotrotz steuert die Weltwirtschaft auf eine Rezession zu. Welchen Einfluss hat eine solche auf die Anlagestrategien? Grundsätzlich nur einen sehr geringen, meint Steinemann, CIO der Privatbank Bellerive.
Was zunächst überrascht, erklärt er wie folgt: «Jede Anlegerin und jeder Anleger hat eine Anlagestrategie definiert, die dem persönlichen Risikoprofil entspricht.» Die Strategie je nach Marktreaktion zu verändern, wirkt sich – was wissenschaftlich belegt ist – langfristig negativ auf die Renditen aus. Anlegerinnen und Anleger sollen, so Steinemann, also auch in schwierigen Marktsituationen bei ihrer definierten Strategie bleiben. Auch Lüchinger ist überzeugt: «Anlageopportunitäten müssen auf lange Sicht, nicht kurzfristig genutzt werden.»
Rückkehr zur Normalität mit attraktiven Anleihen
Nichtsdestotrotz verändern sich die Marktbedingungen momentan grundlegend: «Nach den letzten atypischen Jahren kehren wir nun zur Normalität zurück», so Lüchinger. Diese neuen und gleichzeitig alten Marktkonditionen bieten eigene Anlageopportunitäten: So werden beispielsweise Alternativen zu Aktien wieder attraktiver, denn mit dem Zinsanstieg werfen jene zunehmend Renditen ab. «Im Jahr 2023 sind hochqualitative Investment-Grade-Anleihen sehr spannend», ist Lüchinger überzeugt. Steinemann gibt sich etwas vorsichtiger: «Solange die Zinsen weiter steigen, verliert man mit Obligationen noch an Wert.» Entsprechend ist es etwas früh, um in Obligationen zu investieren, da der Zinshöhepunkt wahrscheinlich noch nicht erreicht ist. Betrachtet man das Gesamtjahr 2023, sind Obligationen aber eine vielversprechende Anlageopportunität.
Obschon sich die Weltwirtschaft abkühlen wird, geht Lüchinger von einer milden Rezession aus, sodass auch Staatsanleihen innert Jahresfrist Renditechancen bieten. Führt die Fiskalpolitik jedoch weiter zu einer Erhöhung der Staatsausgaben, um die Konjunktur aufrechtzuerhalten, während die Geldpolitik die Wirtschaft zu bremsen versucht, wird das Investieren risikoreicher. Einige Faktoren sprechen aber dafür, dass die Zukunft ausgeprägtere Konjunkturzyklen hervorbringt als bis anhin.
Das perfekte Portfolio
«Das letzte Jahr hat einiges auf den Kopf gestellt. Mit einem positiven Effekt: das traditionelle 60-40-Portfolio ist wieder zurück.» Lüchinger ist überzeugt, dass ein ausgewogenes Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Obligationen grosse Anlagechancen bietet. Steinemann ergänzt: «Die Privatbank Bellerive zapft als Spezialitätenhaus die Renditequelle ‹Volatilität› an.» Diese Anlagestrategie nutzt die Volatilität der Finanzmärkte für die Verstetigung der Rendite für Anlegerinnen und Anleger. «So investieren wir seit vielen Jahren – und es hat sich gelohnt», bekräftigt Steinemann.
Qualität auf dem Vormarsch
Im aktuellen Umfeld ist vor allem auf qualitativ hochwertige Titel zu setzen. «Wir investieren aktuell primär in Unternehmen, die Gewinn erwirtschaften, dabei hocheffizient sind und eine gewisse Preissetzungsmacht haben», erklärt Lüchinger. Dies können Value-Titel sein, also solche mit einer günstigen Bewertung nach Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnis, oder aber Growth-Titel, also Aktien mit einer überdurchschnittlichen Profitabilität und Gewinnerwartung. Lüchinger fügt an: «Auch Growth-Unternehmen bieten Chancen, weil viele im letzten Jahr deutlich verloren haben – teilweise zu Unrecht.» Und Steinemann ergänzt: «Leider sind Wachstumsunternehmen zinssensitiver, doch es gibt in der Schweiz noch immer Growth-Titel von höchster Qualität – eine grossartige Anlageopportunität.»
Die Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels ist ein grundlegender Treiber, woraus weitere Anlageopportunitäten entstehen. Die Energiekrise, der vor allem Europa im Zuge des Ukraine-Kriegs begegnen muss, wirkt als Beschleuniger für alternative Energien. «Die Preiserhöhung von traditionellen Energiequellen bietet den besten Anreiz, sie durch Alternativen zu ersetzen», so Steinemann. Dies bietet Chancen für Anlegerinnen und Anleger, früh in diesen Bereich zu investieren und vom strukturellen Wandel zu profitieren.
Nachhaltigkeit bleibt struktureller Treiber
«Insgesamt bieten nachhaltige Anlagen ein grosses Investitionspotenzial», stimmt Lüchinger zu. Doch es ist zentral, dass mit den Anlagen eine Wirkung erzielt wird – dort liegen die Chancen. Eine schlichte Erfüllung von regulatorischen Pflichten ist für das Risikomanagement zwar wichtig, verfehlt aber das Ziel des Wandels hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft. Steinemann dazu: «Eine Exklusion von ‹schlechten› Unternehmen bringt meist nichts.» Werden Titel gemieden, die gewissen Kriterien nicht entsprechen, sind sie günstiger und bieten für weniger ESG-orientierte Anlegerinnen und Anleger eine Investitionsmöglichkeit. Unternehmen mit Zukunftspotenzial sollten Liquidität erhalten, um die nachhaltige Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle zu ermöglichen.
Neben der Energiewende gibt es weitere übergreifende Entwicklungen, die im Jahr 2023 Anlageopportunitäten mit sich bringen. «Megatrends haben sich bereits etabliert und bieten auch weiterhin vielversprechende Investitionsmöglichkeiten»: Steinemann führt aus, dass durch den demografischen Wandel und die Überalterung Medtech und Healthcare interessante Branchen bleiben. Darüber hinaus wird die Digitalisierung weiterhin an Momentum gewinnen. Lüchinger fügt an: «In Zeiten von steigenden Zinsen sind Banken und Versicherungen häufig im Vorteil – auch die ‹Old Economy›, die traditionellen Branchen, bieten also Anlageopportunitäten.»
Steckbrief Dr. Thomas Steinemann
Funktion: Chief Investment Officer und Mitglied der Geschäftsleitung Privatbank Bellerive AG
Jahrgang: 1961
Familie: Verheiratet, zwei Söhne
Ausbildung: Studium an der Universität Zürich, Abschluss Dr. oec. publ. sowie Diplom Swiss Banking School
Gewinnbringendes «Home Bias»
Anlageopportunitäten gibt es zudem auch in der Schweiz: «Aus Schweizer Sicht macht ein ‹Home Bias›, also die überproportionale Geldanlage im Heimmarkt, durchaus Sinn», so Steinemann. Neben dem Währungsvorteil hat der Schweizer Markt den mit Abstand grössten Auslandsanteil. Lüchinger fügt hinzu: «Durch Investitionen in Schweizer Exportchampions kann man am Wachstum von Schwellenländern partizipieren, ohne einem erhöhten politischen Risiko ausgesetzt zu sein.» Bessere Anlageopportunitäten als in der Schweiz sehen die beiden CIOs nur in den USA: Die USA seien und blieben die führende Wirtschaftsregion, sind sie sich einig. Durch die enorme Innovationskraft und weit fortgeschrittene Geldpolitik wird sich der US-Finanzmarkt voraussichtlich am schnellsten von den Marktturbulenzen des letzten Jahres erholen. Im Gegensatz dazu werden die Schwellenländer geschwächt aus der Krise herauskommen.
Anlegerinnen und Anleger sind also gut beraten, sich auf qualitativ hochwertige Unternehmen in weitentwickelten Märkten zurückzubesinnen. Frei nach dem Motto «zurück zur Normalität» ist das Marktumfeld 2023 zwar ein neues, die bewährten Strategien werden aber auch künftig Anlageopportunitäten bieten, von denen Investorinnen und Investoren langfristig und nachhaltig profitieren werden. ■
Steckbrief Daniel Lüchinger
Funktion: Chief Investment Officer, Graubündner Kantonalbank
Jahrgang: 1978
Familie: Verheiratet, eine Tochter
Ausbildung: Studium Betriebsökonomie mit Vertiefung Banking & Finance. Weitergehende Ausbildungen zum CFA und CAIA Charterholder.